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Einsicht in die Therapie

Vera isst vermehrt was ihr schmeckt und baut ihren Speiseplan aus. Genuss kommt in den Vordergrund. Sie probiert Neues aus. Nicht aus einem Anpassungsdruck an einen Diätplan oder einer Vorstellung davon, was richtig sei, sondern aus eigenem Interesse. Früher musste alles schnell gehen, sie musste sofort essen, hatte keine Zeit zu warten, bis etwas gekocht war. Jetzt nimmt sie sich Zeit, sucht aus was sie mag, beginnt zu kochen. Sie stellt auch überrascht fest, dass sie kleine Haushaltsarbeiten wie Wäsche waschen oder den Spüler ausräumen plötzlich einfach tut, ohne die üblichen langen Diskussionen mit sich selbst.

In den ersten paar Minuten der Therapie, probiert Vera erstmals Schritte und Richtungswechsel aus. Dies ist ihr bisher nicht eingefallen, sie blieb immer am selben Ort. Überrascht und interessiert bemerkt sie: «am selben Ort stehen zu bleiben ist viel einfacher. Nur schon einen Schritt davon wegzugehen, verunsichert mich. Auch im Alltag mit Neuem konfrontiert zu sein wirft mich rasch aus der Bahn.» Sie erlebt die neu entdeckte Möglichkeit aber zugleich als Freiheit, gehen zu können wohin sie will.

 

 

Gewohntes verlassen und neue, eigene Wege suchen ist grundsätzlich verunsichernd. Routinen bilden einen wichtigen Boden des Alltags, indem sie Sicherheit vermitteln. Jeder ‘Fort-Schritt’ jedoch, jede Weiterentwicklung baut darauf auf, neues Feld zu betreten, etwas zu tun das man noch nicht kennt und damit verbundene Gefühle der Unsicherheit und Fremdheit zuzulassen. Vera hat dies seit Jahren vermieden. Kreist man immer in denselben Bahnen, fühlt sich das zwar vertraut und sicher an, doch oft auf Kosten von Lebendigkeit und Erfüllung.

Bezüglich Essen und Ernährung ist es von grosser Bedeutung, dass auch hier eigene Interessen im Vordergrund stehen. Veränderungen im Speiseplan und in der Essstruktur müssen auf Selbstbestimmung aufbauen. Solange Vera sich einen Ernährungsplan zwecks Gewichtsabnahme aufbürdete, konnte sie das zwar über Monate einhalten. Die ausschliessliche Anpassung mündete jedoch über kurz oder lang in einen Ausbruch des Widerstandes im Kontrollverlust.

Dass Vera kleine Arbeiten im Haushalt einfach erledigt zeigt, dass sie auch hier beginnt aus innerem Impuls zu handeln. Im Rahmen der Berufsarbeit waren Erledigungen nie ein Problem. Es entspricht ihrem Handlungsmuster der Anpassung, Aufgaben und Erwartungen anderer zur Zufriedenheit zu erfüllen. Für sich selbst etwas Anstrengendes zu tun war schlicht nicht mehr möglich. Sie hatte bereits alle Energie verbraucht, um Anforderungen des Berufes und Erwartungen anderer einwandfrei zu erfüllen. Es ist ein Ausverkauf im Tauschhandel für Bestätigung von aussen, für das Gefühl, gebraucht zu werden und wert zu sein. In der Freizeit ist schlicht keine Kraft mehr vorhanden um auf sich selbst bezogen etwas zu tun.

Oft geriet Vera bei sich zu Hause in einen inneren Konflikt zwischen Sollen, also dem, was sie denkt, tun zu müssen, und Nichtwollen und schob Erledigungen lange vor sich her. Dieses Bild von sich, wie sie ‘richtigerweise’ sein sollte, was sie tun müsste, orientiert sich jedoch nicht an ihr, dem wie sie selbst ist und sein möchte. Es ist eine übergeordnete Vorstellung wie man sein soll, von Richtig und Falsch, gut und schlecht. Vera beschreibt einen inneren Konflikt zwischen dieser Vorstellung, und dem (verständlichen) Widerstand dagegen. Im Nicht-tun, im Prokrastinieren, im Bett liegen bleiben und Serien schauen regt sich der Widerstand gegen diese Anpassung. Lethargie und Nichtstun kann man als unbewusste Weigerung verstehen, sich dieser Vorstellung zu unterwerfen. Es ist jedoch ein hilfloser, ein passiver Widerstand. Er führt nicht weiter, weshalb er sich in einer endlosschleife wiederholt. Wie ein Kratz in der (alten) Langspielplatte.

Dieses endlose Kreisen zwischen Anpassung und Widerstand ist auch im Essverhalten vieler Betroffener gut zu erkennen. Diät halten als rigide Anpassung an ein Soll. Der Kontrollverlust als Widerstand dagegen. Oft auch geschildert als eine Art Befreiungsschlag gegen die ausschliessliche Anpassung: «ich will nur noch essen!» oder «es ist mir alles egal, ich esse jetzt!»